4. "Partnerschaft zwischen Pfarre und Gemeinschaft. Verschiedene Kulturen beleben eine Pfarrgemeinde"

 

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Experiment:

Die Pfarre St. Andrä, Graz, wurde der Gemeinschaft Emmanuel "übergeben".

Die Pfarre St. Andrä mit ihren ca. 11500 Einwohnern ist geprägt von einer großen kulturellen Vielfalt in jeglicher Hinsicht, mehrere christliche Konfes­sionen sind auf dem Pfarrgebiet beheimatet, ca. 2500 Moslems leben in diesem Raum. Viele Schwarzafrikaner sind dort angesiedelt und finden inzwischen auch in der Pfarre Heimat. Vielfalt entsteht auch durch den großen Bewohnerwechsel, da viele eine Wohnmöglichkeit außerhalb des Stadt­zentrums suchen. Die kulturelle Vielfalt bringt auch eine große soziale Her­ausforderung mit sich. Traditionelle pastorale Arbeitsfelder im Rahmen des Jahreskreises und der Sakramente prägen genauso das Bild wie besondere Akzente in der Liturgie und in der Verkündigung auch außerhalb des Kirchen­raumes durch missionarische Initiativen. Der Dialog mit verschiedenen Kulturen, vor allem mit den Schwarzen, und mit der zeitgenössischen Kunst wird gepflegt. Das zeigt sich z.B. im sonntäglichen Gottesdienst in englischer Sprache für Afrikaner oder in besonderen künstlerischen Gestaltungen in der Barockkirche.

So haben wir es mit einer bunten Pfarre zu tun, die sich der Missionssituation bewusst ist, deswegen auch Aktionen auf der Straße startet, auf Zukunft aus­gerichtet sein will und sich durch starke Identifikationsmerkmale auch Heimat schafft.

Geleitet wird die Pfarre nun seit fünf Jahren von Pfarrer Hermann Glettler, der auch der Gemeinschaft Emmanuel angehört. Neue Ideen und auch neue Mit­arbeiter/innen, die dieser Gemeinschaft angehören, aber nicht aus dem Pfarr­gebiet stammen, prägen das Bild.

 

Gemeindebilder, die dieses "Experiment" prägen:

Den bisherigen Mitarbeiter/innen der Pfarre ist die Gemeinschaftsbildung auf dem Territorium des Pfarrgebietes wichtig. Die Geschichtlichkeit des Christseins und ihres Engagements in der Liturgie und Diakonie in dieser Pfarre wollen sie wertgeschätzt wissen. Der Jahreskreis prägt das geistliche und liturgische Leben der Pfarre. Von Spiritualität ist tendenziell nicht die Rede, die Sorge um das Leben der Pfarre selbstverständlich. Das Älterwerden und der Auszug der katholischen Familien aus der Stadt werden schmerzlich wahrgenommen.

Die Mitglieder der Gemeinschaft Emmanuel sind geprägt von einem Leitbild von Gemeinde, das territoriale Grenzen sprengt. Die Zugehörigkeit ergibt sich durch das Ausüben einer eucharistischen Frömmigkeit und die Mitarbeit an missionarischen Aktivitäten in Form von Straßenaktionen, in denen z.B. Leute eingeladen werden, Wünsche an das Christkind zu schreiben; oder neuer­dings durch die Mitarbeit in den Stadtmissionen in Großstädten.

Pfarrer Hermann Glettler sieht drei Leitlinien für die Pfarrentwicklung: die viel­fältigen Versuche der Evangelisation, den herzlichen Empfang der Fremden, den bewussten Dialog mit zeitgenössischer Kultur, der durch sein persön­liches Charisma ein prophetisches Element in den Gemeindealltag hineinbringt.

 

Chancen, die in diesem Experiment der "Pfarrübernahme" stecken:

  • In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem die Notwendigkeit der Begeg­nung mit verschiedenen Kulturen geradezu ins Auge springt, kann die Gemeinschaft Emmanuel ihr Charisma des Umgangs mit ver­schiedenen Nationalitäten und deren Kulturen einbringen. Indem sie in ihrer Eigenart auch eine eigene spezifische kirchliche Kultur pflegen und mit dieser die traditionelle Pfarre konfrontieren, öffnen sie das Bewusstsein für die Wertschätzung anderer Spiritualitäten, Kulturen und Religionen. Eine Pfarre, die in ihrem Territorium ganz stark von der Vielfalt geprägt ist, muss sich nun auch mit dieser Vielfalt auseinander­setzen - sie kann ihr nicht mehr ausweichen. Durch das Engagement und die besondern Projekte der Verkündigung wird das missionarische Bewusstsein vieler Christen in der Pfarre und darüber hinaus gestärkt. Dadurch wird sehr unterschiedlichen Menschen ermöglicht, vom Evan­gelium zu hören und auch in der Kirche Heimat zu finden.
  • In der Spannung zwischen dem Charisma der Gemeinschaft Emmanuel, pastoralen und anderen Traditionen in der Pfarre und der sich veränderten Realität des Pfarrgebietes entwickeln sich neue Profile. Es bricht etwas Neues auf, das nicht in das traditionelle Bild einer Pfarre passt. Es kann sein, dass sich die bisherige Gemeinde überfordert fühlt, aber die Herausforderung ist unvermeidlich. In der Folge ergeben sich durchaus unterschiedliche Stile und Antworten auf die Frage "Was heißt Evangelisierung?", was heißt christliche Präsenz und Diakonie in der heutigen pluralen Gesellschaft.

 

Fragen, die sich im Rahmen eines solchen "Experiments" stellen können:

An den Pfarrer als Hirte und Leiter der ganzen Pfarrgemeinde, zu der auch noch zwei Seelsorgestellen gehören, wird der Anspruch gestellt, dass er in einer gewissen Allparteilichkeit für die ganze Gemeinde da ist. Kommt er da nicht unweigerlich in einen inneren Konflikt durch den Anspruch seitens der Gemeinschaft und der Pfarre? Wodurch kann es ihm trotzdem gelingen, eine Vielfalt von Spiritualitäten zu fördern oder wenigstens zuzulassen? Gerade von Mitarbeiter/innen wird Wertschätzung vom Pfarrer erwartet. Wieweit kann er diese leisten, auch wenn das Engagement von einzelnen Mitgliedern von Emmanuel und der Pfarre sehr unterschiedlich ist? Die emotionale Beteiligung im Gespräch rund um die Fragen von Anerkennung weist auf mögliche Konfliktfelder hin.

Deutlich wurde in der Reflexion, dass Partnerschaft zwischen Pfarre und Gemeinschaft auch gemeinsame Verantwortung, die sich in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung äußert, braucht. In der Pfarre wird die gemeinsame Leitungsverantwortung durch die Pastoralassistentin deutlich. Da die Pastoral­assistentin strukturell immer die Zweitrangige ist, ist immer wieder zu fragen, wie die gemeinsame Leitungsverantwortung gesichert werden kann. Wie werden die verschiedenen Organe, wie Pfarrgemeinderat und Pfarrkirchenrat, die bisher das Leben in der Pfarre bestimmt haben, in Entscheidungen mitein­bezogen? Die Klärung der gemeinsamen Ziele und Anliegen erfordert viel an Kommunikation. Welche Struktur sichert diese Kommunikation?

 

Was die Kirche Österreichs von diesem "Experiment" lernen kann:

Wenn eine Pfarre einer spirituellen Bewegung "übergeben" wird, braucht es zunächst eine ausreichende Phase der vorbereitenden Gespräche, damit Widerstände, die oft nur auf Grund von ungeprüften Vorannahmen entstanden sind, bearbeitet werden können, dann eine Klärung der Rahmenbedingungen zwischen geistlicher Bewegung und der Diözese. Es ist für die Pfarre wichtig, so weit als möglich die Entscheidungsvorgänge und die zukünftige Entschei­dungsstruktur zu veröffentlichen. Die Komplexität einer solchen Leitung einer Pfarre soll ernst genommen werden, daher empfiehlt es sich, eine Begleitung, Beratung oder Supervision sicher zu stellen.

Die Werkstatt zeigte vor allem, dass es Kommunikationsräume braucht, in denen direkt zwischen den Partnern kommuniziert wird, in denen verschie­dene Leitbilder und Spiritualitäten benannt werden können, in denen durch ein Klima der Transparenz und des Vertrauens Vorurteile und Unsicherheiten auf beiden Seiten abgebaut werden können. Durch die direkte Kommunikation sind die gegenseitige Wertschätzung und das Vertrauen in die unterschied­lichen Kompetenzen gestiegen.

Die Pfarre St. Andrä kann als ein exemplarisches Lernfeld für den Umgang mit verschiedenen Kulturen und Spiritualitäten in einem sehr pluralen städtischen Umfeld gesehen werden. Im Einlassen auf die konkrete Ortskirche, in der Offenheit für soziale Fragen und in der eigenen Pluralismusfähigkeit, die sich auch in der Wertschätzung der bisherigen Pfarrgeschichte zeigt, erfüllt die Gemeinschaft Emmanuel auch wesentliche Kriterien der Kirchlichkeit.

 

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