Konfliktkultur: Zorn - "wer seinen Bruder zürnt..."
„Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“ (Mt 5,22a)
Evangelium:
Wer seinem Bruder zürnt… (Mt 5,21-22)
Jesus radikalisiert die negativen Handlungen, die jemand gegenüber seinem Nächsten haben kann. Zorn liegt damit auf der gleichen Linie wie Mord. Denn beides entspringt einer inneren Einstellung, die den anderen „weg-haben“ will, der zu einem – subjektiv empfundenen – Ärgernis geworden ist. Für den Evangelisten ist eine Zorn-Analyse uninteressant. Jesus fragt nicht nach dem Grund des Zornes. Es ist gleichgültig, ob ein solches vorhanden ist oder nicht, ob der Zorn nicht vielleicht sogar nachvollziehbar, verständlich oder berechtigt erscheint. Es geht um mehr als um eine emotionsgeladene Auseinandersetzung. Denn dem anderen wird im Zorn seine Würde, seine Gott-Ebenbildlichkeit abgesprochen.
„Gottloser Narr“ (Mt 5,22) ist mehr als ein Schimpfwort. Dahinter steckt die Anmaßung, Richter über die Gottesbeziehung des anderen zu sein. Und es ist ein Urteil, das die Zurechnungsfähigkeit des anderen abspricht. Der Vergleich von Zorn und Mord ist freilich stark. Sicherlich sind das Dinge von unterschiedlichem Gewicht. Das Zivil- bzw. Strafrecht kennt kein Delikt „Zorn“, während bei „Mord“ die höchsten Strafen verhängt werden. Erst durch Taten, die aus dem Zorn erwachsen, kann jemand straffällig werden.
Das Evangelium blickt ins Herz des Menschen, wo Gutes und Böses ihre Ursachen haben (vgl. Mt 15,19). Was sich auf der Oberfläche unterschiedlich gewichtig zeigt, hat gemeinsame Wurzeln der Feindseligkeit, die Jesus aufdeckt und zuspitzt. Innerlich geht es jedes Mal darum, den anderen radikal wegzuwünschen. Ob und welche Handlungen gesetzt werden, mit denen jemand aus dem Weg geräumt werden soll, ist im Sinn der vorliegenden Stelle des Evangeliums zweitrangig (– in der Praxis jedoch nicht!). Schließlich bildet der Zorn, der in der klassischen Lehre unter die „Todessünden“ gereiht wird, einen beständigen Nährboden für Gedanken, Worte und Taten, die sich gegen den Nächsten und gegen Gott richten.
Realistischerweise muss man im Auge behalten, dass es Konflikte immer geben wird. Deshalb sollten – auch emotional heftige – Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht dramatisiert werden. Aber alle Beteiligten sollten darauf achten, dass das Herz nicht davon beherrscht wird. Ein Konflikt darf bei aller Härte nicht zum „Zorn“ führen, durch den der „Gegner“ weggewünscht, beschimpft und in seiner Würde als Ebenbild Gottes beschnitten wird. Eine Ablehnung des anderen in seinem Mensch-Sein ist immer ein Unrecht in sich, egal in welcher Art und Weise dies geschieht oder wie sehr dies „verständlich“ erscheint. Dann aber geht es um „Umkehr“.