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Synodalität, Frauen und Dialog: Kardinal Radcliffe über Kirche heute

 

Angesichts von Kriegen, gesellschaftlicher Polarisierung und Identitätskonflikten wirbt der britische Dominikaner und Kardinal Timothy Radcliffe für eine offene, dialogische Kirche: „Christliche Identität ist kein Mittel zur Abgrenzung“, sagte der Ordensmann am Samstag bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg. Christinnen und Christen müssten lernen, „wehrlos zu sein, ohne zermalmt zu werden“. Christliche Existenz beginne, wo Menschen einander wirklich sehen; dies schließe auch Migrantinnen und Migranten sowie Frauen ein. Radcliffe sprach sich zudem für den Frauendiakonat – „I am in favour“ (dt. „ich bin dafür“) – und den synodalen Weg einer „entklerikalisierten Kirche“, in der die Stimmen von Frauen und Männern gehört würden, aus.

Gesellschaften und Kirchen seien zunehmend von Konflikten um Identität geprägt – von nationaler über ethnische bis hin zu geschlechtlicher und sexueller Identität. Identität werde zunehmend „gewählt, behauptet und verteidigt“. Christliche Verwundbarkeit bedeute hingegen, „über die Festungen harter Identitäten hinausgezogen zu werden“, hin zu einem Vertrauen auf Gott, „der jenseits aller Namen ist“.

Kritische Worte fand der Ordensmann zur aktuellen Migrationsdebatte. „Das heißeste politische Thema im Westen ist heute die Einwanderung. Jedes Land versucht, seine Grenzen zu verschärfen. Der Fremde wird als Zerstörer lokaler Identitäten gefürchtet“, sagte Radcliffe wörtlich. Der Fremde werde oft nicht mehr als Person wahrgenommen: „Sie wissen, dass ich existiere, aber sie sehen mich nicht“, zitierte er die Bildunterschrift unter einem Foto eines Straßenkindes in Lima. Der Tod des syrischen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi habe 2015 für einen kurzen Moment gezeigt, was geschehe, „wenn Menschen nicht einen Flüchtling sehen, sondern ein Kind“. Doch dieser Moment der Verletzlichkeit sei rasch wieder vergessen worden.

„Das Gespräch mit dem Fremden verändert unser Wesen. Jede tiefe Begegnung bringt eine neue Art des Lebens hervor, eine neue Art, Mensch zu sein“, betonte Radcliffe. Ein „Wir“, das keinem „Ich“ Raum lasse, sei unterdrückend; ein „Ich“ ohne tragendes „Wir“ hingegen zerbrechlich. In synodalen Prozessen gehe es darum, diese Sprache neu zu lernen.

Mehrfach stellte der Kardinal Bezüge zur Gegenwart her. Er erinnerte an den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, der sein Leiden als Teilhabe am Leiden Christi verstand. Nawalny habe aus der Haft geschrieben: „Wo sonst könnte man die Karwoche verbringen, wenn nicht in Einzelhaft“. Leid könne, verwies Radcliffe, Teil einer größeren Geschichte werden, die den „Zwang des Augenblicks“ durchbreche.

„I am in favour“

Auch zur Rolle von Frauen und zur wachsenden Ungeduld vieler Christinnen und Christen mit Reformprozessen in der Kirche äußerte sich Radcliffe: Ursache der Blockaden sei weniger ein Mangel an guten Argumenten als ein fortbestehender Klerikalismus, der in der Kirche „eine eigene Kaste“ geschaffen habe. Autorität sei jedoch nicht an Weihe gebunden: Jesus sei Rabbi (Lehrer) gewesen, „nicht geweiht“, erinnerte der Kardinal.

Frauen hätten heute einen maßgeblichen Anteil an der theologischen Lehre; es wäre selbst klerikal, ihnen dennoch eine Stimme in Verkündigung und kirchlicher Entscheidungsfindung abzusprechen. Zur Diakoninnenweihe sagte Radcliffe wörtlich: „I am in favour“, zeigte aber Verständnis für päpstlich geäußerte Vorbehalte.

Die spürbare Ungeduld über ausbleibende Reformen teile er, zugleich sei diese nur auszuhalten, „wenn wir sehen, was bereits geschieht“. Die Transformation der Kirche sei tiefgreifend: Noch vor 30 Jahren habe sich die römische Kurie als „Chef“ verstanden, heute sehe sie sich – unter Franziskus – als Dienerin. Das werde noch weitreichende Konsequenzen haben, so der 80-jährige Radcliffe, der bei den Weltsynoden im Vatikan 2023/24 zum Synodalen Prozess als Exerzitienmeister wesentliche Impulse setzte.

Mit Blick auf Papst Leo betonte Radcliffe, dieser werde weniger durch Ankündigungen als durch konkretes Handeln auffallen; als früherer Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe habe er „mehr für Frauen getan als jede andere Person“ in vergleichbarer Verantwortung. Synodal weiterzugehen sei entscheidend – gerade, um Ungeduld nicht in Resignation kippen zu lassen.

Radcliffs Vortrag gehörte zu den Höhepunkten der zweieinhalbtägigen Österreichischen Pastoraltagung, die heuer unter dem Generalthema „Verletzlich. Berührbar. Christliche Perspektiven zur Verwundbarkeit“ stand und am Samstag mit Impulsen der Innsbrucker Theologin Michaela Quast-Neulinger und von Wolfgang F. Müller, Stabstelle für pastorale Grundsatzfragen der Erzdiözese Salzburg, schloss.

Unter den Referierenden waren u.a. der bekannte Ordensmann und Aktivist P. Jörg Alt, der Psychiater Reinhard Haller, die Schweizer Psychoonkologin und Pionierin der Spiritual Care-Bewegung Monika Renz, der Linzer Dogmatiker Franz Gruber, Conny Maxima Felice (Geschäftsführerin Hosi Salzburg) und Florian Baumgartner (Regenbogenpastoral Linz).

 


Nächste Tagung über Frieden

Die Österreichische Pastoraltagung gibt es bereits seit 1931. Jeweils zu Jahresbeginn von der Österreichischen Pastoralkommission und dem Österreichischen Pastoralinstitut (ÖPI) organisiert, handelt es sich mit 400 Teilnehmenden aus Seelsorge, Religionspädagogik und weiteren kirchlichen Diensten aus dem In- und Ausland um die größte Seelsorge-Fachtagung des Landes.

Die nächste Pastoraltagung widmet sich von 7. bis 9. Jänner 2027 dem Thema Frieden.

 

Quelle: kathpress.at

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