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Quast-Neulinger: Kirche darf zu Machtmissbrauch nicht schweigen

 

Christinnen und Christen dürften angesichts einer Instrumentalisierung des Christentums zur Legitimation von Macht, Gewalt und Ausgrenzung nicht länger schweigen: Das hat die Innsbrucker Theologin Michaela Quast-Neulinger am Donnerstag bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg betont. Angesicht von christlichem Nationalismus, Integralismus und aktuellen "Weltherrschafts-Gelüsten" bleibe man als "Christin, Bürgerin, Theologin zu oft verstört zurück". Nötig sei eine theologische Selbstkritik der Kirche sowie eine politische Theologie, die Verwundbarkeit als Grundlage von Empathie, Solidarität und demokratischer Verantwortung verstehe. Denn: Glaube impliziere immer auch Weltgestaltung und sei politisch, "weil Glaubende nach einer Veränderung der Welt hin zum Guten streben".

Demokratie, Völkerrecht, Menschenrechte oder verbindliche Rechtssprechung erschienen aktuell nicht mehr selbstverständlich oder erstrebenswert. "Was als schwach, arm, weibisch gilt, wird lächerlich gemacht, ausgestoßen und im äußersten Fall vernichtet. In Gedanken, in Worten, in Werken", so die Analyse der Theologin in ihrem Vortrag "Der Weg des Schmetterlings: Politische Theologie im Angesicht von Verwundbarkeit und Verwundung".

Aktuell seien sogar "von Gott per direkter Deklaration eingesetzte Herrscher" denkbar, "die von religiösen Würdenträgern kritiklos hofiert werden". Empathie, Gleichberechtigung und Fairness würden als "weibliche Laster" diffamiert. "Wir haben es de facto zu tun mit Varianten eines Machtchristentums, Koalitionen von evangelikalen Nationalisten, die auch mit Rassismus und Frauenhass kein Problem haben, und katholischen Integralisten, die sich letztlich beide aus durchaus unterschiedlichen Interessen in den Dienst des Technofaschismus begeben", so die Wissenschaftlerin.



Selbstkritik und politische Theologie

"Als Kirche, Theologinnen und Glaubende dürfen wir uns hier nicht vorschnell herausnehmen, als hätte das Erstarken autoritärer und totalitärer Kräfte nichts mit uns zu tun", so Quast-Neulinger wörtlich. Schweigen sei als Christinnen und Christen keine Option, da man es nicht nur mit "ideologisch motivierten Autodidakten" zu tun habe, sondern auch "mit durchdachten Theologien, mit Denkern, die wissen, was sie tun". Konkret nannte die Theologin Ideen eines barock-katholischen Konfessionsstaats, eines "Empire of our Lady", eines "christlichen" Weltreichs oder einer "christlichen Nation". Es reiche daher nicht aus, lediglich von einer "Instrumentalisierung des Christentums" zu sprechen. Vielmehr brauche es eine selbstkritische Auseinandersetzung mit theologischen Denkmustern innerhalb der Kirche, die autoritäre Entwicklungen begünstigen könnten.

Eine politische Theologie, die Verwundbarkeit ernst nehme, könne dazu beitragen, Widerstand gegen Gewalt, Ausgrenzung und Entsolidarisierung zu leisten, betonte die an der Innsbrucker Universität lehrende Theologin. Eine solche Empathie benötige jedoch auch den Mut, sich mit dem Wissen um den eigenen Tod, Verwundbarkeit und Wunden, aber auch der Fähigkeit, selbst anderen Verwundungen zuzufügen, zu stellen. Ein Mangel an Empathie führe zu einem geschlossenen, totalitären System, warnte Quast-Neulinger.

Kritisch setzte sich die Theologin zudem mit der politischen Theologie Carl Schmitts auseinander, der unter christlichem und katholischem Deckmantel eine Mortalitätsideologie transportiere. "Die permanente Inszenierung der Todesangst hält den Menschen gefangen, macht ihn gefügig", so Quast-Neulinger.

 


"Das ist nicht naiv, sondern heilig"

Durch die Liebe Gottes, die in Jesus "Fleisch werde", nehme Gott den Menschen radikal an, betonte die Theologin. "Das Angebot steht", müsse jedoch vom Menschen auch angenommen werden. Das Kreuz konfrontiere mit der Gewalt imperialer Herrschaft, sei zugleich aber Zusage an die Leidenden und ein Handlungsaufruf. "Das Kreuz konfrontiert mit dem Abgrund der imperialen Gewalt, ist aber zugleich eine Zusage an die Leidenden dieser Welt."

Angesichts der Versuchung, in einen "Kampf der Kulturen" einzusteigen oder schweigend einer "Pervertierung des Evangeliums" zuzusehen, brauche es nicht weniger, sondern mehr Empathie, Stille und Aufmerksamkeit für die Verwundbarkeit anderer Menschen. Der christliche Gott stehe nicht für Herrschaft, sondern für eine "Theodynamik der Leere", die wahre Universalität und grenzenlose Liebe ermögliche. "Das ist nicht naiv, sondern heilig", so die Assistenzprofessorin am Institut für Systematische Theologie der Universität Innsbruck.

 

Quelle: kathpress.at

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