9. "Passantenpastoral zwischen offensiver Verkündigung und Lebens-begleitung. Neue Wege der Seelsorge in der Stadt"

 

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Experiment:

Mit dem Kicheninfocenter Urbi@Orbi ist die Katholische Kirche Oberösterreichs an einem neuen Ort mitten in einem Einkaufszentrum präsent

Mitten in der Geschäftszeile des Atrium City Center, Mozartstraße 7, 4020 Linz, lädt ein Kircheninformationszentrum zu Information, Gespräch, Ruhe und Begegnung ein. Die offene Tür ermöglicht es dem Passanten, der Passantin ganz unauffällig den Raum zu betreten, etwas zu lesen, im Internet zu surfen, sich hinzusetzen, einen Prospekt zu nehmen, sich zu informieren, gleich wieder zu gehen oder doch noch ein Gespräch einzufädeln. Zwei Personen aus dem Team, das aus zwei hauptamtlichen und 15 ehrenamtlichen Mit­ar­beiter/innen besteht, sind immer für ein Gespräch bereit. Sie hören zu, infor­mieren über die nächste Busstation, über den Ort des Domes, über Beratungsmöglichkeiten, über die Möglichkeit, sich im dahinter liegenden Raum für eine Weile zurückzuziehen, um auszuspannen. Sie nehmen teil am Lebensalltag der Menschen, bieten Beziehung und Begegnung an einem für die Kirche neuen Ort an. Einzelne Veranstaltungen, die sich an einem Jahres­thema orientieren, machen in besonderer Weise auf dieses Informations­zentrum aufmerksam.

Ermöglicht wird diese Servicestelle an diesem unerwarteten Ort von den Karmeliten, die zum Großteil die Miete sponsern, vom Verein, dem auch prominente Mitglieder angehören, und der Diözese innerhalb der Struktur der Stadtpastoral. Für die ehrenamtlich Tätigen ist es wichtig, für ihre Zeit eine sinnvolle Tätigkeit zu haben, eine konkrete Zugehörigkeit zum Team zu erleben, Neugierde bei den Passanten zu wecken, aber auch auf diese neu­gierig zu sein. Sie wollen ihr Engagement wertgeschätzt haben. Die Erwartungen an sie sind klar definiert und abgegrenzt. Da die Besucher natürlich unregelmäßig kommen, sind auch Zeiten auszuhalten, in denen das Angebot für das Gespräch nicht genutzt wird. Von außerkirchlicher Seite wird ein großes Interesse wahrgenommen, von innerkirchlicher Seite ist der Rechtfertigungsdruck relativ groß, obwohl durch das Einbeziehen der fünf Innenstadtkirchen keine Konkurrenz herrscht. Inzwischen wird das Urbi@Orbi auch von den Arbeitenden wahrgenommen.

 

Gemeindebilder, die dieses Experiment Urbi@Orbi prägen:

Obwohl sich das Urbi@Orbi selbst nicht als Gemeinde versteht, kann das "Experiment" im Hinblick auf gemeindetheologische Aspekte betrachtet werden. Die Mitarbeiter/innen zeigen eine starke Bindung und eine hohe Iden­tifikation mit ihrem Projekt. Es ist offensichtlich sehr klar, war dazugehört. Sie können sich dort mit ihren Stärken einbringen und sich entfalten. Das Projekt kann als Spielraum für spezifische Fähigkeiten gesehen werden. Weiter­bildungsmöglichkeiten werden ihnen angeboten. Ihrem Selbstver­ständnis ent­sprechend wollen sie für alle da sein, die an diesem Ort vorbeikommen. Sie bieten ihre Zeit, Raum für Gespräch, Stille und Information an. Das Zuhören ist ein zentrales Element ihrer Tätigkeit. Im Umfeld der ver­schiedenen Geschäfte ist das Urbi@Orbi ein Kontrastangebot, das aber in den Alltag und in das Ortsgeschehen eingebunden ist. Es wird von den Teil­nehmer/innen der Werkstatt als freundlich, friedlich und gastlich eingeschätzt. Die Passant/innen bestimmen selber das Ausmaß an Zeit und Intensität, mit der sie sich auf die Begegnung einlassen.

Im Bezug auf die vier Grundaufträge liegt die Stärke dieses Projektes in der Verkündigung, die dort in einem neuen authentischen Zugang auf den moder­nen Stadtmenschen geschieht, in der Diakonie, die im Wahrnehmen und Anhören der verschiedenen Nöte der gerade vorbeikommenden Menschen erlebt wird, und in der Gemeinschaft, die sich in der starken Identifikation der Mitarbeiter/innen mit dem Projekt zeigt. Der Grundvollzug Liturgie kann im Rahmen dieses Projektes nicht erfahren werden. Hier kann aber auf die zahl­reichen Angebote in den Kirchen der Stadt verwiesen werden.

 

Chancen, die in diesem Experiment Urbi@Orbi stecken:

  • Eine wesentliche Chance besteht in diesem Projekt darin, dass die Kirche sich auf den Markt begibt. Es wird kostenfrei eine Alternative geboten. Aber auch hier gilt, der Kunde ist König, weitgehend bestimmt die Firmenleitung, was im Geschäft wie lange angeboten werden kann.
  • Eine etwas andere Nuance ist es, das Urbi@Orbi als Servicecenter zu verstehen, das leicht zu betreten ist, in dem man sich unauffällig Infor­mationen zu Orientierungs-, Lebens-, Glaubens- und Kirchenfragen holen kann. Durch den niederschwelligen Zugang wird keine Grenze zwischen kirchennahen und kirchenfernen Personen gezogen. Als Servicecenter kann es zunächst als sehr "institutionenfrei" erlebt werden. Es ist dort direkte Begegnung von Mensch zu Mensch möglich, sie wird aber nicht erzwungen. Das Dasein für den Menschen, der gerade kommt, wird als entscheidend angesehen. Als Servicecenter gilt es im Verhältnis zu den Pfarren in der Stadt als Ergänzung.
  • Wenn das Urbi@Orbi als ein Knotenpunkt der Kommunikation neben anderen Knotenpunkten, wie es im Pastoralkonzept der Diözese Linz angedacht ist, anerkannt wird, kann dort mit wenig Reibungsverlusten gearbeitet werden. Dies ermöglicht den Mitarbeiter/innen mehr Freiheit und Freiraum. Vor allem können sie ihre Energie in der konkreten Kommunikationsarbeit mit den Passant/innen einsetzen. Dieser Einsatz kann unter dem Aspekt der Verkündigung betrachtet auch als missio­na­rische Kirche gedeutet werden.

 

Fragen, die sich im Rahmen eines solchen Experimentes stellen können:

Als Fragen zeigen sich einige Ambivalenzen, die es offensichtlich auszuhalten gilt:

  • Wenn der Kunde König ist, bestimmt er die Nachfrage. Man muss sich an ihm anpassen oder man verschwindet wieder vom Markt. Wieweit kann das Interesse der Kirche mit den kommerziellen Interessen zusammengehen? Der Markt hat also eigene Gesetze, die der Insti­tu­tion Kirche doch weitgehend fremd sind.
  • Auszuhalten ist auch die Spannung zwischen der Zurückhaltung im Aufzeigen der Institutionszugehörigkeit, um nicht abzuschrecken, und dem offensiven Aufweis der eigenen Identität, die sich wesentlich auch als Kirche versteht. Wie offensiv soll man auf die Leute zugehen? Wie weit kann man auf die Suchenden warten? Wie weit genügt der Ort mitten in einem Geschäftszentrum oder in der City als Zugehen auf die Menschen?
  • Die neuen Formen und Wege der Pastoral können auch als Stachel für traditionelle Wege erlebt werden. Dadurch entsteht natürlich die Ambi­valenz, ein Stachel sein zu wollen und zugleich aber auch "geliebt" zu werden. Was bedeutet es, wenn die Leute dem Projekt und somit auch der Kirche Anerkennung kundtun, aber das Angebot dieses Projektes nicht in Anspruch nehmen?
  • Die Mitarbeiter/innen stehen unter dem Druck, immer für Neues offen zu sein, einerseits in der konkreten Begegnung mit den Menschen, ande­rerseits wird durch den Projektstatus des Experiments auch eine gewisse Begrenztheit des Unternehmens aufgezeigt. Dem steht aber das Bedürfnis nach Sicherheit und Institutionalisierung der Mitarbeite­r/innen gegenüber.
  • Die Frage nach dem Erfolg kann nicht so eindeutig wie in anderen pasto­ralen Projekten oder in den Pfarren beantwortet werden. Gerade wenn die Zweckfreiheit ein hoher Wert ist, können nicht zugleich zur Rechtfertigung ständig durchgeführte Leistungen erwartet werden. Die Arbeit dort steht unter der Spannung zwischen dem zweckfreien Erleben der Menschen, die mit Urbi@Orbi in Berührung kommen, und der Absicht, die die Betreiber verfolgen.

 

Was die Kirche Österreichs von diesem Experiment Urbi@Orbi lernen kann:

  • Entscheidend für das Gelingen eines solchen Projektes ist auch hier die strukturelle Einbindung in das Gesamtkonzept der Diözese. Es braucht amtliche Befürworter und Projektträger, die in eine klare Struktur einge­bunden sind, eine theologische Verortung und Zielklärung. Den Projekt­betreibern muss Freiheit und Flexibilität zugestanden werden. Damit eine solche Initiative als Servicecenter auch zu Informationen kommt, sind eine große Akzeptanz und eine starke Vernetzung mit sehr ver­schiedenen öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen notwendig. Neben dem Personal, das die Differenz zwischen der kirchlichen und der "Marktkultur" aushält, dem Wohlwollen und der Wertschätzung ist auch das ordentliche Budget eine Voraussetzung für zukunftsorien­tiertes Arbeiten.
  • Die Verschiedenheit der Initiativen im Bereich der City- oder Passanten­pastoral zeigt, dass man jedes Projekt im Rahmen des konkreten Kontextes neu entwickeln muss. Neue Formen der Zusam­menarbeit zwischen Orden, Diözese und öffentlicher Hand ermögli­chen unterschiedliche Projekte.
  • Kirche setzt sich in diesen Initiativen aus. Ein Nachdenken über Formen der Kirche in der Stadt wird dadurch auch angeregt. In der Marktsituation sind die Projekte gezwungen, sich zu präsentieren. Viele Pfarrgemeinden können hier noch lernen.

 

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