8. "Personalgemeinde in der Spannung zwischen Dauer und Wechsel" |
|
Experiment:Das "Haus der Stille" in der Diözese Graz-Seckau als geistliches Zentrum, geprägt durch franziskanische Spiritualität mit einer Geschichte von 25 Jahren, zurzeit von einem Team aus Laien geleitet Das "Haus der Stille" nennt sich selbst "das ganz andere geistliche Zentrum", in dem es möglich ist, als Einzelgast einen selbst bestimmten Zeitraum mit zu leben, für Leib und Seele aufzutanken, aber auch ein Jahr lang im Haus der Stille mit den Mitarbeiter/innen und der Weggemeinschaft das Leben zu teilen. Diese besteht zurzeit aus drei Frauen, die sich durch Gelübde auf eine bestimmte Zeit verpflichtet haben. Es wird im Haus Weiterbildungskurse im Bereich Meditation, Bibelarbeit und franziskanische Spiritualität angeboten. Das Leben ist durch die gemeinsamen Gebets- und Essenszeiten strukturiert. Das Arbeiten während der Aufenthalte dient einerseits der finanziellen Ermöglichung des Aufenthaltes, aber auch der Teilnahme am gemeinsamen Leben. Die Architektur als ganze ist improvisiert. An der Baugeschichte kann abgelesen werden, dass das Haus gewachsen ist und nicht nach einem bestimmten Konzept errichtet wurde. Die Räume wirken offen, schlicht, einfach und einladend. Im Zentrum des Hauses steht die Kapelle, in die zu den regelmäßigen Gebetszeiten, die von der Weggemeinschaft gestaltet werden, eingeladen wird. Das Haus steht mitten in der Natur, Schafe und verschiedene Geflügeltiere beleben die nähere Umgebung. Hinweise auf das Programm, der Laden für Fair-trade-Produkte und die Präsentation der Sozialprojekte zeigen die Weltverbundenheit auf.
Gemeindebilder, die das Experiment "Haus der Stille" prägen:Die Bearbeitung der Fragen, was es für ein geistliches Zentrum braucht, damit sich die Personen, die mit diesem in Berührung kommen, entfalten können, brachte Gemeindevorstellungen, die dort implizit gefördert werden, zum Ausdruck. Das "Haus der Stille" versteht sich als Gemeinschaft, die als Volk Gottes unterwegs sein will, als solches Frauen und Männer zum Mitgehen, zum Mitleben einlädt, sie dabei auch begleitet. Die klare Präferenz der franziskanischen Spiritualität gewährt die Dauer und Stabilität neben dem starken Wechsel der Personen, die nur befristet mit leben. Die Gemeinschaft versteht sich als Kontrastraum in ihrer einfachen Lebensweise und in der Ausübung ihrer Spiritualität, als ein Raum der Entschleunigung und der Achtung der Schöpfung im Gegensatz zum Lärm und Konsum. Die verschiedenen Regeln und gemeinsamen Zeiten sollen auch eine Alternative zum in der Gesellschaft üblichen Lebensrhythmus sein. Das Haus ist auch ein Schutzraum, wo Wachsen möglich wird, gerade indem der Mensch ganzheitlich wahrgenommen wird. Die Offenheit, die von den Mitgliedern des Hauses sehr postuliert wird, ist eine bedingte: erst indem man sich auf die bestimmte franziskanische Spiritualität, auf die konkrete Lebensweise im Haus und ihre Aufgaben einlässt, ist man willkommen. Innerhalb der Weggemeinschaft wird das Verfügbarsein, das Offenhalten für Anfragen der Gemeinschaft sehr betont. Ziel der Weggemeinschaft ist nicht so sehr ihrer eigene Vergrößerung, sondern die Begleitung einzelner im Hinblick auf ihre eigene Entfaltung.
Chancen, die in diesem Experiment "Haus der Stille" stecken:Das besondere Ambiente und die eindeutige Spiritualität stoßen die besuchenden Personen sofort auf die lebensrelevanten Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? In einer Atmosphäre der Erholung wird die Bearbeitung dieser Fragen durch ganzheitliche Angebote in den "Wellnessräumen für Leib und Seele" unterstützt. Häufig verlieren auch engagierte Mitarbeiter/innen in unseren Kirchen ihre Mitte. In diesem Haus kann in Einfachheit und in der Atmosphäre der Stille geistliches Leben und Achtsamkeit für sich als Geschöpf und die Schöpfung als Ganze wieder eingeübt werden. So kann das Haus als Oase für Engagierte gesehen werden, in der kompetente Begleitung und biblische Fundierung geboten wird, die in dieser Dichte im üblichen Pfarrbetrieb nicht geboten werden können. Pfarre und geistliche Zentren könnte man mit zwei verschiedenen Bussystemen vergleichen. Pfarren haben ihren fix vereinbarten Fahrplan. Der Pfarrbus bleibt bei jeder vorgesehenen Haltestelle stehen, egal ob dort Menschen warten oder aussteigen möchten. Der geistliche Zentrumsbus kann dort stehen bleiben, wo Menschen sind, die aus- oder einsteigen wollen, und Fragen aufgreifen, die gerade von ihnen gestellt werden. Geistliche Zentren können dadurch viel stärker den einzelnen Menschen im Blick haben, die Pfarre hat dafür das ganze System und Umfeld im Auge und schafft dadurch immer wieder die Möglichkeit, aus- oder einzusteigen.
Fragen, die sich im Rahmen des Experiments "Haus der Stille" stellen können:
Was die Kirche Österreichs vom "Haus der Stille" lernen kann:Die Kirche, bzw. die Gläubigen brauchen sowohl das personale Angebot durch die geistlichen Zentren als auch das territoriale Angebot durch die Pfarre. Entscheidend ist die gegenseitige Wertschätzung, die auch Vernetzung der verschiedenen Orte des Glaubens ermöglicht. Für die Kirche und die Gesellschaft ist es wichtig, dass es außer den Orten der Betriebsamkeit in den Pfarren auch Orte gibt, wo eine "prophetische Stimme" auf den Kern und die Mitte des christlichen Glaubens hinweist. Geistliche Zentren helfen, den Blick für ein entschiedenes Leben aus dem Glauben heraus wach zu halten. In der Kirchengeschichte wurden solche Orte häufig Orden zugewiesen. Dieses Projekt liegt in den Händen von Laien. Sie verknüpfen in diesem Zentrum verschiedene Lebensstände miteinander. Dies gilt es auch ausdrücklich wahrzunehmen. Für die Kirche Österreichs ist es wichtig zu wissen, dass es Orte braucht, wo etwas wachsen kann, wo auch Neues ausprobiert werden kann, wo sich Frauen und Männer mit besonderen Charismen entfalten können. Es braucht Erfahrungsräume für intensives kirchliches Leben, die nicht von vorne herein auf Dauer angelegt sind. Für geistliche Zentren ist auch wichtig, dass sie nicht zum Selbstzweck werden, sondern immer auch einen Auftrag nach außen in Kirche und Gesellschaft haben. In diesem Zentrum wird Zeit, Stille und Begleitung zur Reflexion des eigenen Lebens angeboten. Für geistliche Frauen und Männer wird es auch in Zukunft eine Überlebensfrage sein, wie sehr sie für die eigene Lebensreflexion Zeit und Räume finden.
|