4. "Partnerschaft zwischen Pfarre und Gemeinschaft. Verschiedene Kulturen beleben eine Pfarrgemeinde"

 

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Experiment:

Die Pfarre Scheffau am Wilden Kaiser, geleitet von einer Pfarrassistentin in Zusammenarbeit mit dem Moderator

Die Pfarre Scheffau mit ihren ca. 1200 Einwohnern ist geprägt vom Touris­mus, der Investitionen, Arbeitsplätze, aber auch Doppelbelastungen, vor allem für Frauen mit sich bringt. Das Leben der Dorfgemeinde zeichnet sich aus durch die Vereine, die auch im regen Kontakt mit der Pfarre stehen.

Die Pfarre wurde nach einer konfliktreichen Zeit mit ihrem Pfarrer 1992 nicht mehr nach besetzt. Der nachfolgenden Pastoralassistentin gelang es mit ihrer Erfahrung, die Kommunikationsfähigkeit, ihrer Führungsstärke und das Sich-selbst-Integrieren im Ort die Pfarre in ihrem Zusammenhalt zu stärken. Sie förderte vor allem auch die ehrenamtliche Mitarbeit, in dem der Pfarrgemein­derat klare Aufgaben erhielt, informiert wurde und Bescheid wusste. Vertrauen entstand, in dem allgemein anerkannte Leute wichtige Aufgaben wie z.B. die Finanzen übernahmen und der Dechant aus dem Dekanat in seiner priester­lichen Betreuung zu verstehen gab: ihr werdet nicht im Stich gelassen.

Seit fünf Jahren wird die Pfarre von der Pfarrassistentin Claudia Turner gelei­tet, die mit ihrer Familie im Pfarrhof lebt. Sie versteht sich als Seelsor­gerin, die in Zusammenarbeit mit dem Pfarrgemeinderat und dem Moderator Josef Gossner die Pfarre leitet und begleitet.

 

Gemeindebilder, die Seelsorge in diesem "Experiment" prägen:

Wichtig ist, dass die Kirche am Ort präsent bleibt. Das Leben im Pfarrhof wird das Zeichen für die Lebendigkeit der Pfarre gesehen. Kooperation wird (not­wendigerweise) groß geschrieben. Durch das Betonen der Selbständigkeit der Pfarre seitens des Moderators wird die Subjekthaftigkeit und Eigenver­ant­wortung für die Seelsorge in Scheffau gefördert. Durch die Haltung des Mit­einanders und des Kooperierens stehen Entscheidungen auf breiter Basis und beinhalten immer auch mehrere Perspektiven. Die Grundhaltung der Wert­schätzung erzeugt in der Pfarre ein Klima, in dem sich Begabungen ent­falten können. Zugleich verändern sich die Aufgaben der hauptamtlichen Seelsorge­rInnen: Begleitung, Befähigung, Zutrauen in die Fähigkeiten der Ehrenamtli­chen, Aufmerksamkeit und Schutz vor Überforderung wird wichtig. Es ist beabsichtigt, dass sich die Gemeinde als Trägerin der Seelsorge versteht.

 

Chancen, die in diesem Experiment der Pfarrleitung stecken:

  • In diesem Leitungsmodell erhalten Priester die Chance, ihr Priester-Sein auf andere Weise einbringen und auch entsprechend ihren Bega­bungen arbeiten zu können, indem sie von der Aufgabe der Leitung frei gespielt sind. Dieses Experiment fordert die Priester geradezu auf, ihre spezifische Identität zu bestimmen. Qualitätskriterien von Leitung werden offensichtlich, die man benennen und entwickeln kann.
  • Die Pfarre Scheffau hat eine Chance genützt, der Anfangsschwung hat sich konsolidiert. Man hat eine Qualität von Bewusstsein erreicht, was Pfarre ist, hinter die man nicht mehr zurückkehren will. Man wird nicht mehr mit "irgendjemandem" zufrieden sein.
  • Es wird weitere Entwicklungsphasen geben. Die Lebenssituation wich­tiger, tragender Personen wird sich verändern, manches wird zur Routine werden, neue Gemeinde-mitglieder werden vielleicht manches in Frage stellen, vor allem wenn sie den derzeitigen Entwicklungs­prozess nicht miterlebt haben.
  • In diesem Modell wird Leitung von Frauen für die Gläubigen erlebbar. Für die Gemeinde Scheffau ist es selbstverständlich, dass Frau Claudia Turner verantwortungsvoll, authentisch, in der Einheit der Kirche stehend, das Evangelium deutet und in Beziehung zur feiernden Gemeinde bringt. Eine neue Art von Leitung ist möglich und fördert dadurch die Offenheit für weitere Leitungsmodelle. Solche Erfahrungen - auch wenn sie noch sehr vereinzelt sind - sind für die Diskussion um die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche von großer Bedeutung.
  • Gerade in diesem Modell wird wieder neu nach dem Wert der Sakra­mente, vor allem der Eucharistie gefragt. Daher scheint die Angst, dass das Sakramentale in der Kirche verloren geht, nicht so sehr berechtigt zu sein.

 

Was die Kirche Österreichs von diesem Leitungsexperiment lernen kann:

Zur Entlastung der Beteiligten und zum Gelingen des Modells trägt eine diöze­sane Rahmenordnung als Grundlage zur individuellen Rollenklärung in der jeweiligen Pfarrgemeinde bei. Solche Rahmenbedingungen geben allen Betei­ligten Sicherheit. Auch wenn das Modell nur eine notwendige Über­gangslösung ist, die auch als solche benannt ist, braucht es Formen der Wert­schätzung, die z.B. in geeigneten Feiern der Installierung, gegeben sind. Zum Gelingen des Modells trägt bei, wenn alle Beteiligten vor der Besetzung durch Pfarrassistent/innen einbezogen werden und anschließend eine ausreichende Präsenz der/des Pfarrassistenten/-in gesichert ist.

Die hohe Motivation aller Beteiligten, die Stärkung der Identifikation mit Kirche, die Entwicklung zur lebendigen Pfarre, die Aufwertung der Ehrenamtlichen, die Förderung des Bewusstseins, dass Gemeinde Trägerin der Seelsorge ist, spricht dafür, dieses Modell auch weiterhin als eine Alternative von verschie­denen "Notlösungen" zu sehen.

Um Bereitschaft zu entwickeln, sich auf ein anderes Modell einzulassen, ist manchmal die Erfahrung für Pfarren gut und hilfreich, ein Jahr lang "Mangel" zu erfahren.

Das Beispiel dieser Pfarre verdeutlicht, dass es eine Person am Ort braucht, die leitet. Es wird auch in Zukunft wichtig sein, die Leitung am Ort sicher zu stellen, auch wenn verschiedene Lösungen dafür eingesetzt werden. Die Situationsverschiedenheit und Personenabhängigkeit legen nahe, in den Diözesen verschiedene Formen von Leitung für eine Pfarre zu fördern.

Weiterführende Literatur: Panhofer, Johannes, Hören, was der Geist den Gemeinden sagt. Gemeindeleitung durch Nichtpriester als Anstoß zur Gemeindeentwicklung - Eine empirisch-theologische Studie zu can. 517§2, Würzburg 2003.

 

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