3. "Die Gemeinden wachsen lassen. Natürliche Gemeindeentwicklung"

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Experiment:

Einzelne Gemeinden lassen sich auf das Wachstumskonzept
"Natürliche Gemeindeentwicklung" ein.

Das Konzept des lutherischen Theologen Christian A. Schwarz verfolgt mit seinem Institut für Natürliche Gemeindeentwicklung die Verbesserung der Qualität gemeindlichen Lebens. Grundlage ist das "biotische Prinzip", wonach alles Lebendige auf Wachstum, Fruchtbarkeit und Vermehrung angelegt ist. Quantitatives Wachstum ist also das zentrale Kriterium. Ab einem gewissen Qualitätsstandard wächst eine Gemeinde immer. Die acht entscheidenden Qualitätsmerkmale sind: bevollmächtigende Leitung, gabenorientierte Mitar­beiterschaft, leidenschaftliche Spiritualität, zweckmäßige Strukturen, inspirie­render Gottesdienst, ganzheitliche Kleingruppen, bedürfnisorientierte Evange­lisation und liebevolle Beziehungen. Ist allerdings ein Qualitätsmerk­mal zu schwach ausgebildet, stagniert das Wachstum. Der "Minimumfaktor" muss also durch die Beachtung der biotischen Prinzipien behoben werden. Die ganze Entwicklung ist unter der Prämisse zu sehen, dass Gemeinde­wachstum nicht machbar ist, sondern sich durch die Beachtung der Merkmale und Prinzipien von selbst einstellt.

In der Erzdiözese Wien haben sich nun einige Pfarren auf das Konzept bzw. die Analyse im Rahmen der Natürlichen Gemeindeentwicklung eingelassen. Ihr Anliegen war, durch eine objektive Analyse die Pfarrgemeinden in Bewe­gung zu bringen. 30 Mitarbeiter/innen und der Pfarrer haben jeweils den vor­gegebenen Fragebogen ausgefüllt. Die Antworten wurden computergestützt mit dem Durchschnittswert aller bisher befragten Gemeinden verglichen. Gemeinden erhielten so Auskunft über den Minimum- und Maximumfaktor bezüglich der Qualitätsmerkmale in ihrer Pfarre. Für einige war die Auswertung überraschend. Es wurden dann auf Grund der Analyse die ent­sprechenden Kräfte mobilisiert, um an diesen Schwachpunkten zu arbeiten. So wurde z.B. auf Grund des Minimumfaktors "leidenschaftliche Spiritualität" ein breites Spektrum an Glaubenskursen und thematische Abende zum Thema Spiritualität angeboten, bzw. ins Bewusstsein der Pfarröffentlichkeit gebracht. Die Analyse regte also die Pfarren an, konkrete Handlungsschritte zu setzen.

Im ganzen Konzept der Natürlichen Gemeindeentwicklung werden auch Handbücher zur Entwicklung der einzelnen Qualitätsmerkmale angeboten. Das methodische Spektrum ist aber sehr am freikirchlichen Hintergrund orien­tiert. Michael Scharf legt als Pastoralamtsleiter der Erzdiözese Wien Wert darauf, dass er die Natürliche Gemeindeentwicklung als ein mögliches Instru­ment für eine Analyse, die Entwicklung anstoßen kann, sieht.

Schwarz, Christian A., Die natürliche Gemeindeentwicklung nach den Prinzipien, die Gott selbst in seine Schöpfung gelegt hat, Emmersbüll/Wuppertal 2000 3.

 

Gemeindebilder, die das Konzept Natürliche Gemeindeentwicklung prägen:

Als Idealbild steht eine Gemeinde für religiöse Virtuosen, die viel Zeit für die Gemeinde haben, denen Naherfahrung in Kleingruppen wichtig ist. Gemeinde wird hier verstanden als intensiver Zusammenschluss von Menschen, die frei­willig liebevolle Beziehungen pflegen. Die jeweilige Gemeinde hat durch starke Autonomie und Eigenverantwortung ihr eigenes Profil, sie entwickelt eine gemeinsame Kultur des Umgangs. Eine Einbindung in ein größeres institutio­nelles Gefüge wird nicht bedacht. Die Zugehörigkeit ist durch relativ klare Grenzen bestimmt. Die Frage nach dem Umgang mit "Außenseitern" stellt sich aufgrund des engen Beziehungsgeflechtes nicht. Das Ziel der jeweiligen "pastoralen Neigungsgruppe" ist das Wachstum der Gemeinde. Von daher erklärt sich auch, dass die Evangelisation ein bestimmendes Element in diesen Gruppen ist. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass die Gemeinde auf sich selbst bezogen bleibt.

 

Chancen, die im Konzept der Natürlichen Gemeindeentwicklung stecken:

  • Die Analyse im Rahmen dieses Modells gibt den Verantwortlichen de Pfarrgemeinde einen Anstoß, die eigenen Ziele und Schwerpunkte zu hinterfragen. Häufig überrascht die Analyse die Hauptamtlichen. Sie ist also auch eine Chance der internen Rückmeldung an die Hauptamt­lichen. Die Analyse ist sehr kostengünstig und sie ermöglicht darauf aufbauend verschiedene Entwicklungsinstrumente der Diözese wie das Pastoralseminar, die Gemeindeberatung oder Fachberatungen der ver­schiedenen Referate der Pastoralämter in Anspruch zu nehmen. Die Analyse mobilisiert also, über Entwicklungsprozesse in der Pfarre nachzudenken.
  • Das Konzept bringt das Wachstumselement zur Diskussion. Es stellt somit eine Anfrage nach dem Sendungsauftrag von Kirche in der Welt. Es ist aber zu vermuten, dass das Modell nur greift, wo sich die Kern­gemeinde in einer Art Diaspora befindet.
  • Durch die biotischen Prinzipien wird ausgesagt, dass letztendlich nicht wir selbst Gemeinde machen können. Gott wird auch ausdrücklich ins Spiel gebracht. Er lässt wachsen. Es braucht Zeit und Geduld, um Gemeinde immer wieder neu wachsen zu lassen.

 

Fragen, die sich im Rahmen des Konzeptes der Natürlichen Gemeinde­entwicklung stellen können:

Ausgangspunkt des Entwicklungskonzeptes ist eine freikirchliche Vorstellung von Gemeinde. Daher stellt sich die Frage: Welchen Stellenwert hat die Tra­dition in diesem Entwicklungskonzept? Wie weit sind diese mit unseren katho­lischen Strukturen kompatibel? Es wird betont, dass Natürliche Gemein­deentwicklung kein pastorales Konzept, sondern nur der Hinweis auf wachs­tumsfördernde Prinzipien ist. Trotzdem ist zu fragen: Welche Wirkung hat das Instrument auf die Identität der Gemeinde? Welches Leitbild von Gemeinde wird durch das Instrument gefördert? Es bleibt nach dem Vorstellen des Kon­zeptes die Frage: Wie kann das Modell aus dem freikirchlichen Lebensraum auf katholische Pfarrgemeinden übertragen werden? Wo müsste es modifiziert werden?

 

Was die Kirche Österreichs vom Konzept der Natürlichen Gemeinde­entwicklung lernen kann:

  • Die verschiedenen Qualitätskriterien und Prinzipien sind von einem sehr lebensfördernden Verständnis geprägt, das sich vor allem durch die Leitung der Gemeinden auswirken soll.
  • Analysen sind ein wichtiger Faktor für Entwicklungsprozesse. Es ist auch hier entscheidend, dass der Wille der Leitung der Gemeinde gegeben sein muss, auf Grund des Ergebnisses der Analyse weiter zu arbeiten. Es ist sinnvoll, wenn die Gemeinden die verschiedenen Ange­bote zur Unterstützung von Gemeindeentwicklung seitens der Pastoral­ämter nutzen.
  • Durch die Herkunft des Konzeptes aus dem freikirchlichen Umfeld liegt die Ideologisierung des Konzeptes, der verschiedenen Prinzipien und Qualitätskriterien nahe. Diözesanleitung muss also sehr darauf achten, dass dieses Entwicklungskonzept eines unter mehreren bleibt.

 

 

 

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