11. "Zum Fest wird es eng oder kreativ"

 

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Pastoral und liturgisch verantwortbarer Umgang mit der Feier von Hochfesten in größeren Seelsorgeeinheiten.

Experiment:

Die Pfarren St. Michael, Traboch und St. Stefan in der Steiermark versuchen als Pfarrverband das Feiern der Hochfeste kreativ zu lösen.

Den Verantwortlichen ist wichtig, dass sich jede Pfarrgemeinde an den Sonntagen und Hochfesten vor Ort versammelt und die liturgischen Feiern mit dem vorgesehenen Personal vor Ort und den ehrenamtlichen Ressourcen in den Pfarren abgedeckt werden, also weitgehend keine Aushilfen in Anspruch genommen werden müssen. Es ist grundsätzlich geplant, dass der Priester nur zwei Mal am Tag Eucharistie feiert, d.h. dass in einer Pfarre immer eine Wortgottesfeier geplant ist. In der Pfarre mit der Wortgottesfeier am Sonntag findet allerdings der Vorabendgottesdienst im Pfarrverband statt.

Zu den Festtagen ist im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit oder Solidarität untereinander eine Abwechslung zwischen Eucharistie und Wortgottesfeiern geplant. Eine Ausnahme bildet der Gründonnerstag, wo jedes Jahr in einer anderen Pfarre eine Zentralfeier stattfindet. Ausdrücklich Mitwirkende werden aus allen drei Pfarren eingebunden.

Die Einteilung der Gottesdienstzeiten richtet sich nicht nach der Größe der Pfarren. Es wird die kleine Einheit genauso ernst genommen wie die große. Jede Pfarre hat ihren eigenständigen Pfarrgemeinderat. Die Vorstände treffen in gemeinsamen Versammlungen Gesamtentscheidungen für den Pfarrverband. Getaragen wird der Pfarrverband hauptsächlich vom Seelsorgeteam, dem neben dem Pfarrer aus jeder Pfarre zwei Personen, d.h. die Hauptamtlichen, evtl. ergänzt durch eine ehrenamtliche Person aus der Pfarre angehören.

Jede Pfarre hat einen eigenen Liturgiekreis. Es gibt aber gemeinsame liturgische Weiterbildung und gemeinsame Treffen für Wortgottesdienstleitende und liturgisch Mitarbeitende. Auch außerhalb der Liturgie gibt es viel Gemeinsames, wo Beziehungen wachsen.

Die Umstellung der Liturgie für Hochfeste auf neue Zeiten und Formen hat im Pfarrverband ca. fünf Jahre gedauert. Für manche Entscheidungen wurde auch externe Hilfe benötigt. Anschließend war der Rückhalt durch die verantwortlichen Stellen in der Diözese wichtig.

Das besondere liegt in der Verlässlichkeit dieser Lösung. Die Gläubigen wissen, worauf sie sich einstellen können. Getragen wird die Lösung durch eine starke Zusammenarbeit im Team. Die wöchentliche Teambesprechung der sieben Teammitglieder sichert die Lösung, ebenso wie das Dahinterstehen des Pfarrers zu den konkreten Vereinbarungen. Sie ist vor allem wichtig, wenn Frauen liturgisch leitend auftreten, z.B. wenn sie am Fronleichnamstag den Wortgottesdienst und die anschließende Prozession feiern.

Das Leitbild von Gemeinde, das hinter dieser Lösung steht:

Den Verantwortlichen ist es wichtig, dass im partnerschaftlichen Miteinander Ehrenamtliche eine Platz entsprechend ihrer Berufung finden und so in die Mitverantwortung miteinbezogen werden. Die jeweilige Gemeinde soll in ihrem Subjektsein gestärkt werden. Die Struktur des Pfarrverbandes ermöglicht durch den Blick auf die Nachbarpfarre, das Eigene besser und sich noch mehr als selbstverantwortliche Kirche vor Ort zu erkennen. Durch das Bemühen, die liturgischen Feiern optimal zu regeln wird mit ausgesagt, dass Gemeinde wesentlich aus gemeinsamer Liturgie lebt. Aus der Sicht der Gläubigen könnte es auch heißen, „Hauptsache, das liturgische Angebot ist gut geregelt“. Die Lösung impliziert so wenig Veränderung wie möglich, aber auch so viel wie nötig, um das Angebot sicher zu stellen

 

Chancen, die in dieser Lösung stecken:

  • Hervorzuheben ist die Achtung vor der Identität der einzelnen Gemeinden und zugleich die Förderung von Gemeinsamkeiten. Als länger gewachsenes Modell ist es nun maßgeschneidert. Jede einzelne Gemeinde erfährt Wertschätzung dadurch, dass die Orte der Eucharistiefeiern sehr fair wechseln
  • Strukturell ist das Modell durch die Zusammenarbeit im Seelsorgeteam abgesichert. Keine Pfarre ist dominant, keine kann sich als „Verliererin“ fühlen, ein Gleichgewicht wird gewahrt. Die Gemeinde agiert und fordert ein, was für sie notwendig ist. Man denkt auch für die anderen Pfarren. Dies kann als gelebte Solidarität gesehen werden.
  • Das Bewusstsein für die Verantwortlichkeit für die Liturgie am Ort ist in den einzelnen Pfarren gestärkt worden. Liturgie wird nicht mehr nur als Sache des Priesters, sondern als „unsere“ Sache gesehen. Viele tragen also die Pfarrgemeinde mit.
  • In diesem Rahmen ist der Mut zum Hinsehen und zum Experimentieren möglich. Es zeigt sich ein prozesshaftes Bemühen in einer konkreten Situation. Es geht hier um einen Entwicklungsprozess. Mangelsituationen fordern heraus, neue Wege zu denken. Sie öffnen kreatives Potential, z .B. die Entdeckung und Gestaltung des Martins-Festes spricht plötzlich neue Gruppen an; die Feier des Ostermontags als Jugend-Emmaus mit Taizé-Charakter kommt gut an.
  • Es wird großer Wert darauf gelegt, Feste dann zu feiern, wann sie sind und sie nicht auf den Sonntag zu verschieben um den Feiertag zu schützen. Es muss aber auch die kirchliche Wertschätzung für neue Formen des Feierns gut sichtbar werden. Es hat auch gesellschaftliche und politische Bedeutung, an den Festtagen dranzubleiben. Gerade bezüglich Fronleichnam kann man allerdings zu sehr verschiedenen, aber wertvollen Lösungen kommen.

 

Fragen, die sich stellen können:

  • Die Feier des Triduums kann als einziger Gottesdienst mit mehreren Stationen gesehen werden. Wie kann diese Einheit des Gottesdienstes bewusst bleiben? Welche Feierformen könnte man in der Karwoche entwickeln, wenn dafür kein Priester da ist, z.B. christliche Seder-Feiern oder adaptierte Osternachtfeiern? Die Kontinuität soll in der Gestaltung verwirklicht werden und in der mitfeiernden Gemeinde, weniger durch die leitende Person.
  • Liturgie wird manchmal gefeiert als Erfüllung von Anfragen, um den Leuten entgegen zu kommen. Daraus ergibt sich die Frage, wie weit wir uns der Ökonomie in der Liturgie anpassen, während pastoral-liturgische Entwicklungen und Errungenschaften de facto aufgegeben werden.
  • Wie können sich Feierformen zu Festen entwickeln, wenn eine Eucharistiefeier nicht mehr möglich ist? Es geht darum, gute Gottesdienstformen zu entwickeln im Blick auf die Annahme und Annehmbarkeit durch die Leute. Macht es für die Leute einen Unterschied, ob ein gut gestalteter Wortgottesdienst oder eine Eucharistiefeier an einem Sonntag stattfindet, bzw. was geht verloren, wenn es keinen Unterschied macht? Wie feiern wir angemessen Liturgie ohne Priester, ohne das Wesentliche nicht zu verlieren? Wie kann eine Gemeinde begleitet werden, damit die Inhalte der Eucharistiefeier lebendig bleiben? Eine Konsequenz dieser Fragestellung wäre, die Personen zu weihen, die solche Liturgien feiern sollen.
  • Wie kann das Wesentliche des Glaubens in anderen Gottesdienstformen, nicht nur in der Eucharistiefeier, durchscheinen?
  • Wenn eine Lösung im Pfarrverband mit drei Pfarren nun gefunden wurde, wie kann das einmal mit fünf oder zehn Pfarren aussehen? Was ist in Zukunft unter „Ortskirche“ zu verstehen: die Pfarre, der Pfarrverband, das Dekanat, die Diözese?

 

Was Österreichs Kirche von diesem Modell lernen kann:

Die Situationen sind komplex und höchst unterschiedlich. Daher gibt es keine einheitliche Lösung für alle Pfarrverbände und die Pfarren innerhalb eines Pfarrverbandes. Bei einem Pilotprojekt muss man von Anfang an mit Angriffen, Verdächtigungen und Denunzierungen rechnen. Es braucht viel Kraft, sich dagegen zu wehren und Dinge klarzustellen. Ein Pilotprojekt muss sich allerdings überführen lassen in eine Stabilität. Freilich muss man immer wieder prüfen, ob es noch passt. Nach Jahren der kreativen Entwicklung braucht es Pausen, wo man auf Bewährtes zurückgreifen kann. Durch die diözesanen Stellen soll von Anfang an eine konstruktive Begleitung als Coaching erfolgen und nicht erst bei vermuteten Problemen und Missständen reagiert werden. Es ist grundsätzlich gut, wenn es Aushilfen gibt, die in Notfällen einspringen. Im Pfarrverband-Normalbetrieb sollen diese allerdings nicht angefragt werden.

Es braucht neue Feierformen für Hochfeste, die auch ohne Priester gefeiert werden können. Es kann darauf vertraut werden, dass die Kreativität in den Pfarren entdeckt werden kann. Es ist aber wichtig in der Pionierphase eines Pfarrverbandes die Beteiligten gut zu unterstützen und ihnen Rückhalt zu bieten. Es muss aber auch darauf geachtet werden, dass den Ehrenamtlichen nicht zu viel zugemutet wird. Nicht die konkrete Lösung kann auf andere Situationen übertragen werden, aber die prozesshafte Vorgangsweise kann für andere ermutigend sein

 

Kriterien für das österliche Triduum 1)

Was soll sein:
Jede Pfarre soll mit den eigenen Möglichkeiten und Ressourcen dafür sorgen, die eigene Feier zu gestalten und das Bewusstsein zu entwickeln, das ist unsere Feier. Eine Osterfeier soll „schön“ sein, aufbauend. Nach der Feier soll man sich erlöst, befreit, aufge­baut fühlen. Es soll viel Miteinander der Gemeinde im Triduum gelebt werden, z.B. in der Wahrnehmung aller möglichen Dienste. Die Person, die die jeweiligen Feiern leitet, ist nicht ganz so wichtig. Hilfreich kann es sein, dem Zelebranten eine/n Zeremoniär/in zur Seite zu stellen bzw. eine/n Mystagoge/in.

Was kann sein:
Gründonnerstag: Eine Eucharistiefeier soll stattfinden, gegebenenfalls gemeinsam mit einer zweiten Pfarre. Berücksichtigt werden soll die Fußwaschungsfeier. Nach Mög­lichkeit soll eine Agape als Ergänzung und Vertiefung stattfinden. Eine Ausgestaltungsmög­lichkeit ist es, die Abschiedsreden feiernd zu bedenken. Wenn in einem Pfarrverband eine zentrale Gründonnerstags-Eucharistiefeier stattfindet, sollte besser keine eigene Feier in den anderen Pfarren stattfinden, da dies zu einer Überlastung der Ehrenamtlichen führen könnte.

Karfreitag: Schriftverkündigung und Kreuzverehrung soll in jeder Gemeinde stattfinden.

Osternacht: Lichtfeier und Vigilfeier sollen ausführlich in jeder Gemeinde gefeiert werden.

Am Sonntag soll dann eine Eucharistiefeier mit Taufgedächtnis stattfinden (sofern die gesamte Osternacht nicht in einer einzigen Feier gefeiert wird).

Angeregt wird, dass die zentrale Feier zu Beginn am Gründonnerstag und am Ende am Ostersonntag in derselben Pfarre stattfindet.

Was soll nicht sein:
Das Triduum soll nicht auseinander gerissen werden. Es soll nicht rein funktional gese­hen werden (wie organisieren wir alles, wie machen wir das alles), sondern die Menschen sollen innerlich beteiligt sein.

Es sollen keine Modelle gefördert werden, die nur mit einem ganz bestimmten Pfarrer funktionieren. Man soll auch nicht auf Aushilfen spekulieren. Es soll keine Vereinnahmung nichtchristlicher Feiern geben.

Walter Krieger und Sebastian Schneider

 

1) Vgl. Freilinger, Christhoph, Damit die Gemeinden leben. Thesen zu „Liturgie im Seelsorgeraum zu Hochfesten im Kirchenjahr“, in Gottesdienst 2007, 125f.

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