11. "Labyrinth. Ein neuer offener liturgischer Raum."

 

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Ein zusammenfassender Bericht der Gemeindeentwicklungswerkstatt am 13./14. 6. 2005 in St. Virgil, Salzburg

Experiment:

Eine Gruppe von TheologInnen lädt innerhalb von Verkündigungsprojekten einer Diözese zum Gehen eines Lichterlabyrinths ein.

Eine Gruppe aus der Erzdiözese Salzburg hat sich unter der Leitung von Günther Jäger spezialisiert, im öffentlichen Raum Lichterlabyrinthe zu bauen und zum Gehen einzuladen. Eingebettet im Rahmen einer größeren Veranstaltung der Diözese wird durch das Entzünden der aufgestellten Kerzen als Wegabgrenzung im Labyrinth ein sakraler Raum hergestellt. Eine entsprechende Begleitmusik fördert die sakrale Stimmung. Viel Kreativität wird in die Gestaltung der Mitte investiert, da es den Betreibern wichtig ist, dass die BesucherInnen des Labyrinths die Mitte als Ziel des Gehens sehr eindruckvoll erleben. Der interpretierende Text als Einladung, sich für den Weg in das Labyrinth zu entscheiden, soll eine Hilfe für das Verstehen der Erfahrungen im Labyrinth sein. Der Gruppe ist es wichtig, bei der Durchführung als Gesprächspartner präsent zu sein.

Beim Bauen vom Labyrinth wird zunächst die Mitte fixiert, vor ihr aus werden Kreise mit den Kerzen gelegt, in die erst nachher Wege geöffnet werden. Für sieben Umgänge braucht man eine Kreisfläche mit ca. 16 m Durchmesser und 1400 Teelichter. Die Wegbreite soll ca. 80 cm betragen. Meist finden sich beim Aufstellen auch vor Ort HelferInnen. Im präsentierten Projekt wurde deutlich, wenn im Winter ein Labyrinth gebaut wird, ist der Aufwand für Schneeräumung und das Aufstellen der Kerzen, bzw. Fackeln relativ groß. Die Bilder v on den verschiedenen Lichterlabyrinthen beeindruckten die TeilnehmerInnen.

Im Anschluss an die Werkstatt war es den Betreibern wichtig, den Text in seiner Diktion nochmals zu überarbeiten, damit die Erfahrungsmöglichkeiten offener gedeutet werden. Jetzt ist der gekürzte Text beigefügt.

 

Die Botschaft, die im „Experiment“ Labyrinth steckt:

Im Gehen und Unterwegssein auf die Mitte zu wird Suche nach Sinn möglich. Das Labyrinth – eingebettet in einen Rahmen mit christlicher Symbolik – bietet einen Raum für eine mögliche Gottesbegegnung, aber auch einen Raum zur Begegnung mit sich selbst und lädt so zu Reflexion und Selbsterfahrung ein.

Es kann jede und jeder auf die im Gehen unerwartete Mitte stoßen, die nicht eindeutig definiert ist. Begegne ich in der Mitte Gott, mir selbst oder beiden? Faszinierend ist es immer, im Dunkel der Nacht ein Licht anzuzünden. So ist die Botschaft eines Lichterlabyrinths immer Leben, das durch die Entschleunigung aus dem Alltag in dichterer Weise wahrgenommen werden kann.

Im Gehen eines Labyrinths haben die TeilnehmerInnen erlebt, wie sie miteinander einen streng vorgegebenen Weg gegangen sind, letztlich musste ihn aber jede und jeder für sich allein gehen. Jugendliche waren dabei experimentierfreudiger.

Der Weg des Labyrinths ist ein Gleichnis für den Lebensweg. Dieser spielt sich auch in der Spannung zwischen Vorgegebenheit und Freiheit, diesen Weg zu gehen ab. Der Umgang mit Nähe und Distanz zur Mitte, zu Gott, zu sich selbst oder zum Ziel ist eine ständige Herausforderung im Leben.

Das Labyrinth im öffentlichen Raum kann als eine Einladung zu einer Liturgie verstanden werden. Es wird ein sakraler Raum vorübergehend hergestellt und das Gehen selbst geschieht in einer ritualisierten Form. Die Botschaft von Tod und Auferstehung wird im Gehen zur Mitte hin und aus ihr heraus ausgelegt. Wandlung und Heilung sind entscheidende Momente einer Liturgie.

 

Chancen, die im „Experiment“ Labyrinth stecken:

Durch die Niederschwelligkeit des Zugangs zum Labyrinth, die Freiheit, in dieses zu gehen oder nicht zu gehen, und durch die Einladung im öffentlichen Raum bietet es eine Chance für Menschen, die kirchlichen Institutionen fern stehen. Gespräche können sich in der Entscheidungsphase oder nach dem Gehen des Labyrinths ergeben. Es sind also mehr freie Kommunikationsräume vorgesehen als in einer konventionellen Liturgie.

Labyrinthe, die auf Plätzen gebaut sind, ermöglichen auch eine Liturgie im Labyrinth oder das Gehen eines Labyrinths im größeren Rahmen einer Liturgie. Solche Beispiele sind

  • das Halten einer Maiandacht;
  • die Auslegung der Bibelstelle der Aussendung der 72 Jünger, indem immer zwei und zwei in das Labyrinth gehen;
  • die Einladung an die Firmlinge im Anschluss an die Firmung mit ihren Paten das Labyrinth zu gehen;
  • das Entzünden des Lichtes in der Mitte zu Maria Lichtmess;
  • die Auflegung der Asche in der Mitte des Labyrinths am Aschermittwoch;
  • die Tauffeier in der Mitte des Labyrinths;
  • das Tanzen über die Grenzen des Labyrinths hinweg zu Ostern;
  • das Gehen in der Osterliturgie mit den liturgischen Funktionsträgern innerhalb der Feier;
  • die Deutung als kleiner Pilgerweg, an dem ich auch Entschleunigung erleben kann.

Das Labyrinth als Liturgie legt sich innerhalb von Seminaren nahe, oder im Anschluss von einer Liturgie in der Kirche, wie z.B. nach dem Jahresschlussgottesdienst.

 

Fragen, die sich stellen können:

Trotz aller beeindruckenden Aspekte kann gefragt werden, ob das Bauen und Gehen von Labyrinthen mehr als ein Boom ist. Ist es mehr als eine Methode? Was bewirkt es wirklich? Was kann es in einer Schule bewirken? Ist die heilende Wirkung unabhängig von der Einbettung eines bestimmten Rahmens gegeben?

Wie wird deutlich, was der Veranstalter oder Bauer eines Labyrinths vermitteln will?

Welchen Ort hat Gott in diesem heiligen Spiel? Welche Botschaft will ich als Christ vermitteln? Kann ich mit diesem Medium Gott näher bringen?

Was schafft einen sakralen Raum? Wie können sakrale Räume verlagert werden? Entsteht der sakrale Raum bereits durch das Auflegen eines Labyrinths oder erst durch das Gehen?

Wie kann das Ausgerichtetsein auf das Gegenüber Gottes deutlich werden, damit man von christlicher Liturgie sprechen kann? Wenn vom Labyrinth als Liturgie gesprochen wird, sind diese Fragen entscheidend. Eine Möglichkeit ist in der Einführung der Hinweis des Erbauers eines Labyrinths, dass es für ihn ein heiliger Boden ist. Beim Hineingehen wird sozusagen heiliger Boden betreten (vgl. Ex 3,5). Die eigene Erfahrung soll als solche auch benannt werden. Offenbar kann das Gespür für Heiliges, für eine andere Dimension gefördert werden.

Die Erfahrung im Gehen des Labyrinths ist für jede und jeden ein Geschenk. Sie ist für jede Person anders. Wie kann die Verschiedenartigkeit der Erfahrung respektiert werden? Welcher Typ geht ins Labyrinth? Wie kann ich Erfahrungen entsprechend aufarbeiten? Tendenziell kann davon ausgegangen werden, dass durch die ritualisierte Form nur so viel aufbrechen wird, dass es in normalen Gesprächen aufgefangen werden kann.

 

Was die Kirche Österreichs von diesem Experiment lernen kann:

Für die Kirche ist es entscheidend, wenn es auch Orte gibt, die als heilsam in ihrer therapeutischen Wirkung erlebt werden können. Die äußere Form erlaubt bewegte Impulse, die auch für Aufbruch stehen können. Es wird auch der öffentliche Raum als Ort der Sinnsuche in Anspruch genommen. Kirche geht somit auch auf den Marktplatz, wo die Leute sind. Neue Formen bringen Bewegung. MitarbeiterInnen bei Labyrinthen erhalten auch eine positive Resonanz, die sie ich ihrem Bemühen bestärkt.

Der Bau eines Labyrinths kann gefördert werden, wenn er pfarrlich in einem Entwicklungsprozess eingebunden ist, wenn also eine Gruppe von Leuten dahinter ist, weil erst dann über Spiritualität diskutiert wird. Neue Formen von spirituellen Übungen dienen dann auch dazu, alte Formen der Spiritualitätsausübung zu erklären und wieder ins Bewusstsein zu bringen. Der Umgang mit einem Labyrinth fördert Religiosität, die zunächst nicht institutionell gebunden ist, zur Sprache zu bringen. Wichtig ist auch bei einem solchen Projekt, dass die Pfarrleitung dahinter steht, weil es dadurch anders eingebunden werden kann und die Betreuung eines gebauten Labyrinthes sicher gestellt ist.

Kirche braucht „Landeplätze“ für das Heilige. So kann dies auch als eine Form der Meditation gesehen werden. Gottesbegegnung kann nicht gemacht werden, es kann aber der Raum dafür erarbeitet werden.

Als Symbol stellt ein Labyrinth meist auch eine Bereicherung für eine Gemeinde dar, bildet Gemeinschaft und Identifikationsmöglichkeit.

Vom Umgang mit den Labyrinthen kann die Kirche lernen, dass es gut tut, wenn sie sehr nahe bei den Menschen ist. Dies ist vor allem bei den zeitlich befristeten Lichterlabyrinthen zu beobachten. Menschen machen dadurch eine positive Erfahrung mit Kirche.

Für die Zusammenfassung: Sebastian Schneider, Arbeitsstelle für Gemeindeentwicklung, Ernst-Grein-Str. 14, 5026 Salzburg, 0662/8047-2495

 

Das Labyrinth

Wenn du ein Labyrinth betrittst,
hast du das Ziel – die Mitte – bereits vor Augen.
Der Weg dorthin scheint kurz zu sein;
doch er führt dich um die Mitte herum,
immer wieder vorbei am erstrebten Ziel.

Du gehst und gehst …
Du verlierst das Ziel aus den Augen …
Was tun in solch einer Situation?

Du musst den ganzen Weg gehen.
Nichts kannst du auslassen,
nichts kannst du überspringen.

Das meditative Gehen im Labyrinth
ermöglicht dir die Erfahrung,
dass der Weg zu deiner eigenen Mitte
ein anspruchsvoller Weg ist.

Ohne deine Bereitschaft,
deinen Lebensweg mit all seinen Wendungen
und in seiner ganzen Länge auf dich zu nehmen,
wirst du nicht gewinnen.

Das Labyrinth ist ein Symbol für dein Leben.
In der Gewissheit, dass Gott dich trägt,
will das Labyrinth dich einladen,
dich auf dein Leben einzulassen.

Habe Mut und gehe!

 Christine Sickinger und Günther Jäger

 

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