10. "Der Mensch zählt. Entwicklungsimpulse durch diakonische Projekte"

 

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Experiment:

In der Erzdiözese Wien wurde in Form der Aktion "Mobiles Notquartier" in Pfarrräumen - unter anderem in der Pfarre Hernals - jeweils zehn Flüchtlinge für 14 Tage ein Quartier mit Verpflegung geboten

Das "Mobile Notquartier" ist ein gemeinsames Projekt der Diakonie und der Caritas zur vorübergehenden Unterbringung von obdachlosen Ausländern in der kalten Jahreszeit. Pfarren werden eingeladen, für den Zeitraum von zwei Wochen zehn Männern aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern einen gemeinsamen Schlafplatz mit Frühstück und Abendessen zu bieten. An diesem Projekt beteiligten sich in der Erzdiözese Wien seit neun Jahren inzwischen 70 Pfarren.

In der Pfarre Hernals, die durch einen sehr hohen Ausländeranteil geprägt ist, wurde das Mobile Notquartier bereits neun Mal durchgeführt. Die spezielle Situation ist in der Pfarre die Anstellung der Caritasassistentin Ines Riedler, die durch ihr Engagement und Knowhow vor allem in der Vernetzung im Rahmen der Plattform Hernals wesentlich zum Gelingen des Projekts beiträgt. In Hernals wurden also zehn Männer in den Jungscharräumen im B.R.O.T.-Haus, das sich als ein Wohnhaus mit christlichem Anspruch unter den Leit­linien Beten -Reden - Offensein - Teilen versteht, untergebracht. Bewohne­rinnen des B.R.O.T.-Hauses sorgten für das Frühstück, für die Wäsche und für die Reinigung der Waschgelegenheiten, die sich innerhalb der Sauna des Hauses befanden. Das Zur-Verfügung-Stellen der Sauna musste allerdings im Haus ausgehandelt werden, weil der Verzicht auf die Sauna für 14 Tage nicht ohne weiters hingenommen wurde. Die Verpflegung wurde aus den privaten Mitteln der einzelnen engagierten Personen geleistet. Über dieses Mindeste hinaus erhielten die Beherbergten in der Pfarre Hernals Toiletteartikel, Wochenkarten für die öffentlichen Verkehrsmittel, wenn nötig und möglich Begleitung bei Amtswegen und weitere Betreuung. So waren am Abend immer Personen als Ansprechpartner da, die auch mit Spielen und Musizieren die Zeit mit den Flüchtlingen verbrachten.

Getragen wurde die Aktion von der Plattform Caritas der Pfarre Wien-Hernals unter der Leitung der Caritasassistentin. Konflikte waren aufgrund der sehr unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten unvermeidbar. So war für einige die Unpünktlichkeit ärgerlich. Aber durch eine immer bessere Vernetzung und Information zwischen den Pfarren konnten die Konflikte minimiert werden.

 

Gemeindebilder, die das Experiment "Mobiles Notquartier" prägen:

Die am Projekt beteiligten Personen fragen zunächst nicht nach den Vorstel­lungen von Gemeinde, die sie in ihrem Handeln leiten, weil das konkrete Tun sehr im Vordergrund steht. Das Christsein soll sich in der konkreten Tat ver­wirklichen. Aufgrund der Akzeptanz des Notquartiers in der Pfarre ist anzu­nehmen, dass in dieser Pfarrgemeinde Nöte wahrgenommen werden und diese auch zum Handeln motivieren. Die Hilfe für den Nächsten steht im Vordergrund. Die Tatsache, dass sich die Pfarre eine Caritasassistentin "leistet", weist darauf hin, dass die durch die Caritas propagierte Offenheit auch in der übrigen Pfarre eine Rolle spielt. Die tatsächlich offene und zugäng­liche Kirche steht auch für das Leitbild der offenen Kirche, in der "Gott ein Tätigkeitswort" (Kurt Marti) ist und Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens gesucht wird und daher Menschlichkeit Zukunft hat.

 

Chancen, die im Experiment "Mobiles Notquartier" stecken:

Die Begegnung zwischen den Quartiergebern und den "Bewohnern" kann eine Erfahrung sein, die Einstellungen und Haltungen nachhaltig verändert und lange Zeit des Lebens wirksam sein kann. So meint Karim Kabba, der in Hernals 14 Tage im Notquartier verbracht hat, dass die Erfahrungen der Begegnung und der Gastfreundschaft auch eine Schule für das Leben derjenigen sind, die in ihr Ursprungsland zurück müssen.

Für die Beteiligten der Pfarre hat das Projekt die Chance in sich, eigene Fähigkeiten und Begabungen einzubringen, Kompetenzen zu entdecken und kreative Lösungen zu suchen. Durch die Begegnung mit konkreten Menschen mit ihren Schicksalen werden Vorurteile und Ängste gegenüber bestimmte Gruppen von Ausländern abgebaut. Im Einsatz für diese Menschen wird Zivil­courage verlangt und gefördert. Das Problembewusstsein bezüglich Fremden­feindlichkeit, Rassismus und Ungerechtigkeit durch Gesetze wird erhöht. Die Begegnung mit anderen Kulturen bereichert und erweitert den Horizont. Im Eingehen auf fremde Gewohnheiten wird gegenseitige Rücksicht, Toleranz und Respekt erlernt. Eigene Wertigkeiten werden in Frage gestellt.

 

Fragen, die sich im Experiment Mobiles Notquartier stellen können:

  • Ein Spannungsfeld wird für die Beteiligten immer sein, wieweit man sich persönlich betreffen lassen kann, um noch handlungsfähig zu sein. Wo sind die Grenzen der individuellen Betreuung? Wo sind die Grenzen der Helfer/innen?
  • Für diakonische Projekte ist oft entscheidend, möglichst viele in die Mit­arbeit und in den Bewusstseinsbildungsprozess mit einzubeziehen. Wie kann dies optimal gelingen?
  • Die Reflexion des Projektes zeigt auf, dass der Gewinn seitens der Pfarre und der Projektbeteiligten sehr hoch sein kann. So ist darauf zu achten, dass der Mensch nicht von der Pfarrgemeinde verzweckt wird, damit sich in der Pfarre etwas bewegt und sie sich weiter entwickelt.
  • Festzuhalten ist auch die Ambivalenz der Gastlichkeit in ihrer Befristung. So ist dem Projekt trotz des Erfolges der Betroffenen wegen zu wünschen, dass es durch die neuen Regelungen bezüglich der Zuweisung von Flüchtlingen nicht mehr notwendig sein wird.

 

Was die Kirche Österreichs von diesem Experiment lernen kann:

  • Diakonische Projekte, in denen die konkrete Begegnung mit Menschen anderer Herkunft oder mit unterschiedlichen Nöten gefördert wird, bauen eine "Schubladierung" von Menschen ab. Der Mensch als Mensch steht im Mittelpunkt. Dies ist eine Anforderung auch an die übrige pastorale Praxis, in der häufig auch kirchenrechtliche Normen ins Spiel kommen. So wird auch Offenheit für andere Religionen geför­dert. Karim Kabba z.B. erzählte eindrucksvoll, mit welchem Respekt er als überzeugter Muslim seinen Dienst als Reservemesner in der Kirche ausübt.
  • Die Reflexion des konkreten Projektes zeigte, wie entscheidend es ist, das Zueinander von Diakonie und Pastoral in den Blick zu nehmen, dies auch in den Ausbildungsvorgängen von Hauptamtlichen zu be­denken, indem Auszubildende mit konkreter diakonischer Praxis kon­frontiert werden.
  • In dem dargestellten Projekt wird ersichtlich, wie Kirche von der Basis her wächst. Dabei ist die Unterstützung seitens des Pfarrers und des Pfarrgemeinderates unerlässlich. Diese soll auch eindeutige Stellung­nahmen beinhalten, die über eine Anerkennung des caritativen Tuns hinausgehen.
  • Auch dieses diakonische Projekt zeichnet sich durch horizontale Vernetzung mit anderen Pfarren und mit öffentlichen Einrichtungen aus. Dies kann für die verschiedenen Ebenen von Kirche ein Lernimpuls sein. Für die Entwicklung der eigenen Strukturen kann es hilfreich sein, über den eigenen Horizont der Pfarre hinauszuschauen.

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